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Leise gurgelnd rauschte das Wasser durch die rostigen Rohre an der Decke und den Wänden. Er hatte sich so sehr an das Geräusch gewöhnt, dass er glaubte sich nur noch konzentrieren zu können, wenn er es hörte. Es gehörte zu seinem Leben, wie die schimmelfleckigen Wände seiner Zelle, die klapprige Pritsche in der Ecke, die rostige Stahlroste auf dem Boden und der vernarbte Schreibtisch an dem er arbeitete. Dies war seine Welt und er hatte sie kaum je verlassen.
Er betrachtete das Papier auf seinem Schreibtisch.
Es war das letzte Astrophatenprotokoll für heute Morgen, doch schon bald würde ein Servitor einen neuen Stapel Akten bringen, den er im Laufe des Nachmittags abarbeiten würde.
Die Trans-Warp-Nachricht kam von einem Planeten Namens Toulus 4. Ein Space Hulk war in diesem System gestrandet und Hunderttausende von Orks hatten sich über die kleine Industriewelt hergemacht. Die Nachricht war alt, über 30 Jahre, aber das waren alle Nachrichten, Protokolle und Befehle die auf seinem Schreibtisch landeten. Er und die ganze Abteilung, über ein dutzend Stockwerke tief, waren für liegengebliebene Formulare zuständig. Sie durchforsteten den Bodensatz der Bürokratie auf Terra. Es war eine kleine Aufgabe, aber eine wichtige. Auch wenn er nur ein unscheinbares Rädchen in der Verwaltung war, so war er doch Teil von etwas Größerem, saß im schlagenden Herzen des Imperiums.
Freilich hatte er noch nicht viel vom Imperium gesehen, aber wer hatte das schon?
Er kannte niemanden, der jemals weit aus diesem Verwaltungsblock
heraus gewesen wäre. Warum auch? Hier gab es alles was sie brauchten,
und wenn es etwas nicht gab wurde es ihnen durch die Servitoren
gebracht. Ja, die Servitoren verließen ab und zu den Block, aber
von den bedauernswerten halbmenschlichen Maschinen konnte man
nicht viel erfahren. Sie waren programmiert und nicht in der Lage
Gespräche über ihren engen Einsatzbereich hinaus zu führen. "Die
sind noch blöder als du, Alcante," hatte Bruder Markwart einmal
gesagt. Bruder Alcante faltete die Nachricht von Toulus 4 zusammen
und adressierte sie neu. Er schickte sie an das Archiv der Imperialen
Armee. Dort würde man überprüfen, ob bereits auf den Hilferuf
reagiert worden sei. In einigen Wochen sollte das Schriftstück
dort ankommen und dann würde es nur wenige Monate dauern, bis
eine Entscheidung getroffen würde.
Oder vielleicht landete der Zettel wieder auf seinem Schreibtisch. Dann würde er ihn erneut losschicken, denn das war seine Aufgabe. Behutsam platzierte er den Umschlag im Ausgangs-Fach, dann strich er sich geistesabwesend über die vier Nieten in seiner Stirn.
Es war noch etwas Zeit bis Mittag und er würde sich noch ein wenig hinlegen. So tief unter der Oberfläche war es immer sehr heiß und jede Arbeit strengte an. Zwar brauchte er erstaunlich wenig Schlaf, doch versuchte er sich so oft er konnte ein paar Minuten aus zu ruhen.
Denn wenn er ruhte träumte er.
Dann träumte er von der Oberfläche und fernen Planeten weit dahinter. Er konnte die Orks sehen, die Toulus 4 plünderten, aber auch die schlanken Eldar, gedrungene nichtmenschliche Mechaniker, gewaltige Kampfroboter und wunderschöne Gärten unter gläsernen Kuppeln.
Wunderschöne exotische, aber auch bedrohliche Welten konnte er sehen. Oft war er ein großer Krieger, der schleimige Slann besiegte und das Imperium rettete.
Natürlich wusste er nicht wirklich wie ein Titan aussah, er hatte nie Eldar oder Orks gesehen, aber in seiner Fantasie wurden diese Wesen lebendig.
Als er aus seinem kurzen Dämmerschlaf erwachte schmerzte sein Schädel. Er fuhr sich mit seinen Fingern über die lange Narbe an seinem Hinterkopf. Dort saß der Schmerz, hatte er immer gesessen. Langsam ließ das Pochen nach und Bruder Alcante richtete sich auf.
Von draußen konnte er das helle Surren eines Elektromotors hören und das Geräusch von Fahrketten auf den Stahlrosten des Laufganges.
Der Mittags-Servitor würde neue Arbeit, aber auch Essen bringen. Alcante bekam immer zuerst, damit das Essen noch warm war, denn er war der Älteste auf diesem Flur. Er glaubte er war auch der Älteste im ganzen Block. Die meisten Menschen an die er sich erinnern konnte waren Tod. Auch Bruder Markwart war schon lange tot, obwohl er noch ein junger Mann gewesen war, als Alcante schon lange hier gearbeitet hatte.
Alle alterten und starben, außer ihm. Aber keinen außer ihm selbst schien das zu wundern, also nahm er es hin. Als er an die Tür trat und den Gang hinunter schaute konnte er nur einen großen Küchenwagen sehen. Hinter diesem Küchenwagen, so wusste er, folgte ein Wesen, halb Mensch, halb Maschine und mit nicht mehr Verstand als einer der Computer, wie sie am Ende der Flure standen. Die Kreatur hatte einen humanoiden Körper, der an den Hüften in eine Art Kettenrollstuhl überging. Statt menschlicher Arme hatte der Servitor zwei vielgelenkige Robotterarme. Das halbe Gesicht war einer stählernen Maske gewichen und das eine menschliche Auge starrte in besinnungslosem Stumpfsinn.
Hatte er nicht viel gemeinsam mit diesem Wesen? War er nicht ebenso programmiert eine einfache Arbeit zu erledigen? War sein Verstand nicht auch auf die Ebene stumpfsinniger Wiederholungen herabgesunken?
Aber solche Fragen stellte er nicht. So zu denken war er nicht fähig, nicht mehr. Nur ein kleiner Winkel seines Bewusstsein erinnerte sich daran, dass da mehr gewesen war. Oft erwachte er mit einem schrecklichen Gefühl des Verlustes und konnte doch nicht begreifen, was es war das er verloren hatte.
Der Servitor gab ihm einen heißen Teller von dem Wagen, den er vor sich her schob und einen Stapel Papiere, von dem Wagen den er zog.
Das Essen war noch zu heiß, also stellte Bruder Alcante den Teller ganz außen auf den Schreibtisch. Er aß immer dort, um seinen Arbeitsplatz nicht zu verdrecken. Bis das Essen abgekühlt war, würde er noch etwas arbeiten.
Das oberste Schreiben war auf dem guten Papier des Adeptus Astrates abgefasst. Es trug einen großen roten "Erledigt" Stempel des Adeptus Terra und war wohl nach der Bearbeitung einfach falsch abgelegt worden. So etwas kam oft vor und die Verwaltungsbrüder brauchten einen solchen Zettel einfach nur der Verbrennung zuzuführen. Aber es kam nicht oft vor, dass die Korrespondenz der Space Marines auf seinem Schreibtisch landete und diese Nachricht kam direkt aus den Tiefen der Galaxis von der äußersten Front der Menschheit. Also würde er sie trotzdem lesen. Vielleicht erzählte sie ja von fremden Völkern und Planeten - und brachte ihm neue Träume. Vorsichtig öffnete er den 93 Jahre alten Umschlag und las:
"An den Großmeister der Kanzlei zu Terra,
Ich schicke diesen Brief auf solch seltsamem Wege, da es sich bei meinem Anliegen um ein sehr persönliches handelt. Auf dem Frachter, der diese Nachricht überbringt, befindet sich ein Mann, den ich in eure Obhut empfehlen möchte. Ich bitte euch sich seiner anzunehmen und ihm eine einfache, aber würdevolle Arbeit zu geben.
Er mag den Verstand eines Kindes haben und er hat bestimmt mehr als nur sein Gedächtnis verloren, aber ich versichere euch, dass er vor seiner Verwundung nicht nur ein Veteran, sondern Sergeant der Ersten Kompanie war. Natürlich könnten wir in unserer Ordensburg eine Arbeit für ihn finden, aber es schmerzt zu sehr einen engen Freund so zu sehen. Darüber hinaus war es immer sein größter Wunsch einmal Terra zu sehen und bei Dorn, diesen Wunsch werde ich erfüllen!
Kümmert euch gut um Bruder-Sergeant Alcante.
Bruder-Kapitän Rufus
Mentor Legion
Adeptus Astrates"
Bruder Alcante faltete den Brief sorgfältig und legte ihn sauber auf den Stapel im Papierkorb.
Bevor er den nächsten Brief griff wischte er sich eine Träne von der Wange. Er wusste nicht, warum er so traurig war, aber das Gefühl würde vergehen.
Das tat es immer.
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Der Autor
"Die Idee zu Alcante kam mir als ich mal wieder im alten
Codex Imperialis rumgeschmökert und die Beschreibung der
Verwaltung auf Terra gelesen habe. Ich hatte kurz davor von dem
Fanwork Award gehört und dachte mir, das wär vieleicht
mal ne Geschichte wert. Ich wollte nicht über die vielen
Heldentaten am Rande der Galaxis schreiben, sonden vom schlagenden
Herzen des Imperiums: Terra. Eine Geschichte von denjenigen, die
das gewaltige Reich am Laufen halten. Von den Büroarbeitern
und ihrer Einsamkeit. Was für ein Kontrast zum aufregenden
Leben eines Space Marine." |
Die Jury
"Genau nach meinem Geschmack! Die Geschichte spiegelt ein
wenig die trostlose Stimmung der Imperialen Beamten auf Terra
wieder, man erahnt etwas von der gigantischen Größe
und teilweisen Unsinnigkeit dieses Verwaltungsapparates. Die überraschende
Wendung zum Schluss ist sowohl stimmungsvoll als auch wirklich
pfiffig."
"Eine famose Kurzgeschichte mit einem zum Nachdenken anregenden
Ende. Gerade dadurch, dass sie nicht wie sonst üblich nur
von dem Gemetzel auf den Schlachtfeldern berichtet, und dennoch
interessant geschildert wird, sticht sie für mich besonders
hervor." |
2. Platz >
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