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MARTIN BEHM - "NIEDERGANG"

Aus der Sicht eines Insektes wäre der Stiefel gleich einem gewaltigen Hammer gewesen, welcher mit einer unnatürlichen Gewalt einem adamantenen Ambos begegnet. Wo der Hammer Funken schlagen, klirren und voller Zorn über sein Unvermögen zurückfedern würde, da aber durchstieß der Stiefel die Oberfläche des verseuchten Wassers in der Pfütze, ohne Gegenwehr. Er erschuf ein Geräusch, dem Klang einer Ohrfeige nahe und sandte Wassertropfen, den Geschossen von Artillerie gleich, durch die drückende Atmosphäre jener Welt, wo diese dann in der selben Pfütze niedergingen, neuerlich Wellen warfen und sich wieder lösten, oder aber auf umgebenden Boden fielen, um dort, unwissend um ihre Giftigkeit, gierig aufgesogen zu werden.
Unter der Sohle presste sich der Schlamm panisch in das Profil der Stiefel, in der Hoffnung dem unerträglich, fremdartigen Druck zu entgehen. Aber der Druck war ein unverhoffter Befreier. Das Wasser wurde aus dem Schlamm gepresst und floh zurück zu seiner verdorbenen Familie. Als der Stiefel sich wieder hob, hinterließ er Mauern aus Sand, frei und stark. Auch wenn einige direkt durch ihren Schöpfer fielen und zurück in die Umarmung ihres Peinigers gerissen wurden, so blieben doch andere stehen und trotzten der giftigen Umarmung.

Beli aber, hatte dafür keine Augen als er in die Fußstapfen seines Vordermannes trat, zerstörte, befreite, schuf und neuerlich der Vernichtung preisgab.

Von der schlammigen Pfütze, durch welche er soeben hindurchgetreten war, gab es hier Hunderte und das Wasser in ihnen, trug das gleiche graue, vergiftete Kleid wie die gewaltigen, stählernen Skelette welche stumm aus dem Erdreich in den Himmel ragten. Zeugen aus längst vergangenen Tagen menschlicher Zivilisation.
Ob es glückliche Tage waren bevor die Düsternis über diese Stadt gekommen war? Beli vermochte es nicht zu sagen.
Ob es jemals glückliche Tage gegeben hatte?
Ob er jemals glückliche Tage haben würde?
Glück?

Als der Tag auf diesem Planeten noch jung gewesen, hatte sich Beli mit seinen Brüdern auf diesen namenlosen Vergessenen begeben. Seltsame Kunde hatte sie über ein Wesen auf diesem Planeten erreicht. Ein Erweckter sollte hier wohnen.
Die Nachricht hatte der Astropath der Legion aufgefangen. Adressiert war sie an mehrere Legionen des Adeptus Astartes. Aber die nannten die zu findende Person einen "Gefallenen."
Wie das Wasser und die Überreste von einstigem Schaffen der Menschen so gab sich der von Wolken unreine Himmel über ihren behelmten Köpfen, in einem verwaschenem grau. So dicht, das sie nicht zu sagen vermochten, wann die reinen Strahlen ihrer Sonne zum letzten male diesen Boden geküsst hatten. Dennoch, die ganze Landschaft erfuhr dämmeriges Licht, eines das ohne scheinbare Quelle war.
Wenn man es wagte in die Ferne zu schauen und seine Augen von möglichen Gefahren abwendete, dann sah man ringsherum wie sich der Brodem am Horizont verfinsterten und Nachricht von kommenden, schweren Unwettern über diese Welt brachte.
Beli schritt weiter, alle Anzeichen für ein Unheil ignorierend, in sich selbst Niedergang tragend.
Lange noch setzten sie im schnellen Schritt den einen Fuß vor den anderen, bis sie an den Rand eines großen Kraters gelangten. Der Rand war zu einem erhöhten Wall aufgeworfen, so dass es ihnen nicht möglich war ins Innere zu blicken.
Beli bedeutet seinen Brüdern innezuhalten. Er selbst trat an den Wall und begann ihn zu besteigen. Unter jedem Tritt und jedem Griff gab die lockere schwarze Erde nach und nur unter Mühe konnte er den dreifach mannshohen Wall erklimmen.
Äußerst vorsichtig hob er seinen Kopf um in den Krater blicken zu können. Dieser maß von seinem Mittelpunkt aus, einen Kilometer bis zu der Kuppe des Walls. In seiner Mitte stand ein zehn Meter durchmessender Zylinder bei gleicher Höhe. An diesen Objekt waren mehrere Wesen entweder angekettet oder in den oberen Reihen mit schweren, rostigen Stahlbolzen angeschlagen.
Beli konnte erkennen das die meisten dieser Kreaturen ihr Ableben schon hinter sich hatten. Nur vergebens hoffen konnte er, dass sie nicht zuviel gelitten hatten.

Hoffen? Seit wann empfand er so. Beli konnte sich nicht mehr durchblicken.
Bei nicht wenigen erkannte er, dass sie unsäglich verstümmelt waren. Insbesondere denen, welche an den Zylinder angeschlagen waren, hatte man die Bäuche aufgeschlitzt, so dass ihre blutigen Innereien heraushingen und ihre Säfte sich über die Köpfe der darunter Geketteten ergossen. Beli wollte sich in unerwarteter Abscheu abwenden als er eine mächtige menschliche Gestalt erblickte. Wie nur noch wenige seiner Leidensgenossen war dieser am Leben. Da nur noch in Lendenschurz gekleidet konnte Beli erkennen von welchem Schlag dieser war. Mächtige Stränge aus Muskeln zogen sich unter der dunklen Haut hin und als Beli mit dem optischen Systemen des Helmes das Bild vergrößerte erkannte er, dass sie gefunden was sie gesucht.
"Stahlbolzen in der Stirn und chirurgische Narben wie sie nur ein eingeweihter Apothecari sie zu leisten vermag, unser Ziel ist gefunden."
Nun blickte Bruder Kreig, welcher als einziger inzwischen ebenso hoch lag wie Beli, über die Kuppe des Walls.
"Eines aber verstehe ich nicht Bruder! Wo sind die geblieben welche diese Schreckenstat begangen?"
Erst zu diesem Zeitpunkt keimte in Beli die gleiche Erkenntnis. Langsam hob Beli erneut seinen Kopf.
Nichts rührte sich dort im Kessel außer einem angekettetem Orkoiden welcher sich stumm gegen seine Fesseln auflehnte.
Unschlüssig was als nächstes zu tun, wandte sich Beli dem Rest seiner Brüder zu. Bevor er aber noch den Mund zu öffnen vermochte drang gleißendes Licht aus dem Krater. So hell, dass sich die optischen System nur noch mit Abschaltung vor großem Schaden schützen konnten. Beli warf sich flach gegen den Wall und griff in die lose Erde. Nur langsam wichen die hellen Flecken vor ihren Augen, auch wenn sie ohne Schmerz waren.
Beli hasste es.
Vorsichtig nährten sie sich wieder der Kuppe. Beli war der erste welcher seinen Kopf weit genug anhob. Was er sah ließ sein Gesicht zu einer Maske des Hasses erstarren. Sein ganzer Körper zitterte vor unnatürlicher Anspannung.

"Renegaten," nur unter allergrößter Mühe brachte er dieses Wort über seine fahlen Lippen.
Sie waren es, fünf an der Zahl, die Rüstungen in blutigem Rot gefasst, die Helme gehörnt oder zu blutigen Masken verkommen schlichen die Verräter um den Zylinder; auf der Suche nach Blut, ihrer Gier aber noch nicht nachgebend.
Für Beli wurde es derweil immer schwerer einen klaren Gedanken zu fassen. Renegaten waren es gewesen welche hunderte seiner Brüder von ihm genommen hatten.
Renegaten, sie waren es die der Menschheit ihre Größe genommen hatten, ihr Werk hatte ihm seinen Gauben, seine Unschuld genommen. Er wollte sie bestrafen. All den Schmerz, all die Zweifel die er gelitten sollten sie im Moment ihres Todes fühlen. Er wollte Panik in ihren Augen sehen, wenn sie wie einst er von ihrem Glauben abfielen.
Beli richtete sich auf, ein unkontrollierter Schrei der Wut drang aus seiner Kehle. Beli stürmte los. All der Hass auf sich selbst, auf das was er selbst war manifestierte sich für ihn in diesem Augenblick in den Renegaten. Vergessen der Auftrag, vergessen das Universum. Ihm wurde nur eine Sache klar, das was aus ihm geworden, konnte er so nicht weiterleben.

Mit gewaltigen Sätzen sprang er in den Kessel. Den Bolter achtlos fallen lassend griff er nach der Gabe die er von Marduk dem verstorbenen Custodi erhalten hatte. Die beiden Klingen surrten gierig als sie von Beli getragen, ihrer Erfüllung entgegen, die Luft durchtrennten.
In seinem unkontrolliertem, besinnungslosen Hass nahm er nicht war das keiner seiner Brüder ihm gefolgt war. Er sah nur die von ihm abgewendeten Schatten welche nach einem neuen Toten für ihren verkommenen Gott suchten.
Sein Hass, trank ihr Blut.

Beli spürte seine Herzen. Jeden einzelnen Schlag nahm er war. Sie schlugen nicht schnell, eher wie das konstante schlagen eines Hammers auf einen Amboss. Das Bild führte ihn weiter und die durchschrittenen Pfützen kamen ihm wieder in den sinn. Ja wie ein Stiefel der in sie hineintritt sich wieder erhebt und für einen Nachfolger Platz gebietet, einen neuen Schlag zulässt, ihn weiterführt. Nichts außer seiner Herzen nahm er war, der perfekte Gleichklang, wunderschön.
Dunkel umgab Beli, er hatte seine Augen geschlossen. Der Mut sie zu öffnen fehlte ihm. Das Bild was sich ihm bieten würde wollte er nicht seine Harmonie zerstören lassen. Beli war zum ersten male in seinem Leben friedlich, ruhig.

Die Schritte seiner Brüder ertönten, störten seine Ruhe, nahmen ihm seine Reinheit.
Er nahm seinen Helm ab, öffnete die Augen, blickte aber nicht zurück wo die vernichteten Hüllen seiner Gegner lagen, blickte nicht an sich herab um dort das Blut seiner Feinde zu erkennen. Er heftete seinen Blick getragen von seinen absolut verfinsterten Augen auf den Erweckten.
"Was war dein Verbrechen?
Warum wollen dich die einen vernichten und die anderen dich davor bewahren."
"mein verbrechen ist die Erkenntnis. Ich lebte eine Lüge die ich verriet, sie holte mich ein und vergalt den Verrat mit schmerz. Nun habe ich erkannt das in unseren Altern der Schmerz den Schmerz, die Lüge die Lüge und die Vernichtung die Vernichtung erhält. Nichts passiert um dem ein Ende zu bereiten. Der Schmerz, die Lüge und Vernichtung werden um ihrer selbst willen geführt, dies ist die ultimative und einzige Wahrheit welche das Universum, wenn es in der Lage ist dies zu begreifen, umstürzen könnte."
Das war es, etwas was er schon lange gefühlt. All seine Verzweiflung. Auch er hatte eine Lüge verraten und war einer neuen gefolgt, denn alle brachten sie leid über die die es nicht verdient hatten. Alle lebten den Krieg, keiner wollte ihn beenden. Keiner von ihnen wollte den Frieden. Aber Beli wusste nun: er brauchte nicht den Imperator in seinem Herzen. Er brauchte ihn auch nicht für seinen Hass. Nicht sich selbst würde er hassen müssen für das Unmenschliche in ihm. Die Unreinheit gab es nicht mehr. Seine Herzen waren rein. Die Erkenntnis trug ihn weiter. Seit seiner Geburt hatte er andere gehabt, seinen Clan, den Orden, die Verdammten. Nun aber wusste er dass er allein den Zustand den er so verflucht als der Geist des Imperators ihn verlassen, dieser war der einzige gewesen welcher Frieden zu ihm und in sein Universum bringen würde, die Einsamkeit im Geiste; Nein die Unabhängigkeit von allem. Er würde sich nun ein eigenes Bild formen, würde die Mauer aus Sand sein welche aus vergiftetem Wasser sich erhebt und er würde sich nicht einreißen lassen.

Das Brechen des Schusses hörte Beli nie, das Projektil zerriss ihm den Kopf und sandte ihn zurück in die Festung.

Als er wieder die Augen öffnete, blickte er Gabriel ins Gesicht.
"Ich werde gehen Gabriel, meine Bestimmung ist nun eine andere." Gabriel schloss kurz die Augen seltsam enttäuscht waren nun seine Züge.
"Also willst nun auch du unter die gehen welche für sich selbst streiten und den Frieden suchen? Ich habe schon so viele Brüder an diese Idee gegeben, pass auf das sie dich nicht verschlingt mein Freund, den in der Ewigkeit will ich dich wieder sehen!"
"Gabriel?"
"Ja Beli, der der den Frieden sucht den es nie geben wird."
"Ich lebe, kann nicht sterben, habe Schmerzen, oh selige Schmerzen!"


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