Aus der Sicht eines
Insektes wäre der Stiefel gleich einem gewaltigen Hammer
gewesen, welcher mit einer unnatürlichen Gewalt einem adamantenen
Ambos begegnet. Wo der Hammer Funken schlagen, klirren und voller
Zorn über sein Unvermögen zurückfedern würde,
da aber durchstieß der Stiefel die Oberfläche des verseuchten
Wassers in der Pfütze, ohne Gegenwehr. Er erschuf ein Geräusch,
dem Klang einer Ohrfeige nahe und sandte Wassertropfen, den Geschossen
von Artillerie gleich, durch die drückende Atmosphäre
jener Welt, wo diese dann in der selben Pfütze niedergingen,
neuerlich Wellen warfen und sich wieder lösten, oder aber
auf umgebenden Boden fielen, um dort, unwissend um ihre Giftigkeit,
gierig aufgesogen zu werden.
Unter der Sohle presste sich der Schlamm panisch in das Profil
der Stiefel, in der Hoffnung dem unerträglich, fremdartigen
Druck zu entgehen. Aber der Druck war ein unverhoffter Befreier.
Das Wasser wurde aus dem Schlamm gepresst und floh zurück
zu seiner verdorbenen Familie. Als der Stiefel sich wieder hob,
hinterließ er Mauern aus Sand, frei und stark. Auch wenn
einige direkt durch ihren Schöpfer fielen und zurück
in die Umarmung ihres Peinigers gerissen wurden, so blieben doch
andere stehen und trotzten der giftigen Umarmung.
Beli aber, hatte dafür keine Augen als er in die Fußstapfen
seines Vordermannes trat, zerstörte, befreite, schuf und
neuerlich der Vernichtung preisgab.
Von der schlammigen Pfütze, durch welche er soeben hindurchgetreten
war, gab es hier Hunderte und das Wasser in ihnen, trug das
gleiche graue, vergiftete Kleid wie die gewaltigen, stählernen
Skelette welche stumm aus dem Erdreich in den Himmel ragten.
Zeugen aus längst vergangenen Tagen menschlicher Zivilisation.
Ob es glückliche Tage waren bevor die Düsternis über
diese Stadt gekommen war? Beli vermochte es nicht zu sagen.
Ob es jemals glückliche Tage gegeben hatte?
Ob er jemals glückliche Tage haben würde?
Glück?
Als der Tag auf diesem Planeten noch jung gewesen, hatte sich
Beli mit seinen Brüdern auf diesen namenlosen Vergessenen
begeben. Seltsame Kunde hatte sie über ein Wesen auf diesem
Planeten erreicht. Ein Erweckter sollte hier wohnen.
Die Nachricht hatte der Astropath der Legion aufgefangen. Adressiert
war sie an mehrere Legionen des Adeptus Astartes. Aber die nannten
die zu findende Person einen "Gefallenen."
Wie das Wasser und die Überreste von einstigem Schaffen
der Menschen so gab sich der von Wolken unreine Himmel über
ihren behelmten Köpfen, in einem verwaschenem grau. So
dicht, das sie nicht zu sagen vermochten, wann die reinen Strahlen
ihrer Sonne zum letzten male diesen Boden geküsst hatten.
Dennoch, die ganze Landschaft erfuhr dämmeriges Licht,
eines das ohne scheinbare Quelle war.
Wenn man es wagte in die Ferne zu schauen und seine Augen von
möglichen Gefahren abwendete, dann sah man ringsherum wie
sich der Brodem am Horizont verfinsterten und Nachricht von
kommenden, schweren Unwettern über diese Welt brachte.
Beli schritt weiter, alle Anzeichen für ein Unheil ignorierend,
in sich selbst Niedergang tragend.
Lange noch setzten sie im schnellen Schritt den einen Fuß
vor den anderen, bis sie an den Rand eines großen Kraters
gelangten. Der Rand war zu einem erhöhten Wall aufgeworfen,
so dass es ihnen nicht möglich war ins Innere zu blicken.
Beli bedeutet seinen Brüdern innezuhalten. Er selbst trat
an den Wall und begann ihn zu besteigen. Unter jedem Tritt und
jedem Griff gab die lockere schwarze Erde nach und nur unter
Mühe konnte er den dreifach mannshohen Wall erklimmen.
Äußerst vorsichtig hob er seinen Kopf um in den Krater
blicken zu können. Dieser maß von seinem Mittelpunkt
aus, einen Kilometer bis zu der Kuppe des Walls. In seiner Mitte
stand ein zehn Meter durchmessender Zylinder bei gleicher Höhe.
An diesen Objekt waren mehrere Wesen entweder angekettet oder
in den oberen Reihen mit schweren, rostigen Stahlbolzen angeschlagen.
Beli konnte erkennen das die meisten dieser Kreaturen ihr Ableben
schon hinter sich hatten. Nur vergebens hoffen konnte er, dass
sie nicht zuviel gelitten hatten.
Hoffen? Seit wann empfand er so. Beli konnte sich nicht mehr
durchblicken.
Bei nicht wenigen erkannte er, dass sie unsäglich verstümmelt
waren. Insbesondere denen, welche an den Zylinder angeschlagen
waren, hatte man die Bäuche aufgeschlitzt, so dass ihre
blutigen Innereien heraushingen und ihre Säfte sich über
die Köpfe der darunter Geketteten ergossen. Beli wollte
sich in unerwarteter Abscheu abwenden als er eine mächtige
menschliche Gestalt erblickte. Wie nur noch wenige seiner Leidensgenossen
war dieser am Leben. Da nur noch in Lendenschurz gekleidet konnte
Beli erkennen von welchem Schlag dieser war. Mächtige Stränge
aus Muskeln zogen sich unter der dunklen Haut hin und als Beli
mit dem optischen Systemen des Helmes das Bild vergrößerte
erkannte er, dass sie gefunden was sie gesucht.
"Stahlbolzen in der Stirn und chirurgische Narben wie sie
nur ein eingeweihter Apothecari sie zu leisten vermag, unser
Ziel ist gefunden."
Nun blickte Bruder Kreig, welcher als einziger inzwischen ebenso
hoch lag wie Beli, über die Kuppe des Walls.
"Eines aber verstehe ich nicht Bruder! Wo sind die geblieben
welche diese Schreckenstat begangen?"
Erst zu diesem Zeitpunkt keimte in Beli die gleiche Erkenntnis.
Langsam hob Beli erneut seinen Kopf.
Nichts rührte sich dort im Kessel außer einem angekettetem
Orkoiden welcher sich stumm gegen seine Fesseln auflehnte.
Unschlüssig was als nächstes zu tun, wandte sich Beli
dem Rest seiner Brüder zu. Bevor er aber noch den Mund
zu öffnen vermochte drang gleißendes Licht aus dem
Krater. So hell, dass sich die optischen System nur noch mit
Abschaltung vor großem Schaden schützen konnten.
Beli warf sich flach gegen den Wall und griff in die lose Erde.
Nur langsam wichen die hellen Flecken vor ihren Augen, auch
wenn sie ohne Schmerz waren.
Beli hasste es.
Vorsichtig nährten sie sich wieder der Kuppe. Beli war
der erste welcher seinen Kopf weit genug anhob. Was er sah ließ
sein Gesicht zu einer Maske des Hasses erstarren. Sein ganzer
Körper zitterte vor unnatürlicher Anspannung.
"Renegaten," nur unter allergrößter Mühe
brachte er dieses Wort über seine fahlen Lippen.
Sie waren es, fünf an der Zahl, die Rüstungen in blutigem
Rot gefasst, die Helme gehörnt oder zu blutigen Masken
verkommen schlichen die Verräter um den Zylinder; auf der
Suche nach Blut, ihrer Gier aber noch nicht nachgebend.
Für Beli wurde es derweil immer schwerer einen klaren Gedanken
zu fassen. Renegaten waren es gewesen welche hunderte seiner
Brüder von ihm genommen hatten.
Renegaten, sie waren es die der Menschheit ihre Größe
genommen hatten, ihr Werk hatte ihm seinen Gauben, seine Unschuld
genommen. Er wollte sie bestrafen. All den Schmerz, all die
Zweifel die er gelitten sollten sie im Moment ihres Todes fühlen.
Er wollte Panik in ihren Augen sehen, wenn sie wie einst er
von ihrem Glauben abfielen.
Beli richtete sich auf, ein unkontrollierter Schrei der Wut
drang aus seiner Kehle. Beli stürmte los. All der Hass
auf sich selbst, auf das was er selbst war manifestierte sich
für ihn in diesem Augenblick in den Renegaten. Vergessen
der Auftrag, vergessen das Universum. Ihm wurde nur eine Sache
klar, das was aus ihm geworden, konnte er so nicht weiterleben.
Mit gewaltigen Sätzen sprang er in den Kessel. Den Bolter
achtlos fallen lassend griff er nach der Gabe die er von Marduk
dem verstorbenen Custodi erhalten hatte. Die beiden Klingen
surrten gierig als sie von Beli getragen, ihrer Erfüllung
entgegen, die Luft durchtrennten.
In seinem unkontrolliertem, besinnungslosen Hass nahm er nicht
war das keiner seiner Brüder ihm gefolgt war. Er sah nur
die von ihm abgewendeten Schatten welche nach einem neuen Toten
für ihren verkommenen Gott suchten.
Sein Hass, trank ihr Blut.
Beli spürte seine Herzen. Jeden einzelnen Schlag nahm
er war. Sie schlugen nicht schnell, eher wie das konstante schlagen
eines Hammers auf einen Amboss. Das Bild führte ihn weiter
und die durchschrittenen Pfützen kamen ihm wieder in den
sinn. Ja wie ein Stiefel der in sie hineintritt sich wieder
erhebt und für einen Nachfolger Platz gebietet, einen neuen
Schlag zulässt, ihn weiterführt. Nichts außer
seiner Herzen nahm er war, der perfekte Gleichklang, wunderschön.
Dunkel umgab Beli, er hatte seine Augen geschlossen. Der Mut
sie zu öffnen fehlte ihm. Das Bild was sich ihm bieten
würde wollte er nicht seine Harmonie zerstören lassen.
Beli war zum ersten male in seinem Leben friedlich, ruhig.
Die Schritte seiner Brüder ertönten, störten
seine Ruhe, nahmen ihm seine Reinheit.
Er nahm seinen Helm ab, öffnete die Augen, blickte aber
nicht zurück wo die vernichteten Hüllen seiner Gegner
lagen, blickte nicht an sich herab um dort das Blut seiner Feinde
zu erkennen. Er heftete seinen Blick getragen von seinen absolut
verfinsterten Augen auf den Erweckten.
"Was war dein Verbrechen?
Warum wollen dich die einen vernichten und die anderen dich
davor bewahren."
"mein verbrechen ist die Erkenntnis. Ich lebte eine Lüge
die ich verriet, sie holte mich ein und vergalt den Verrat mit
schmerz. Nun habe ich erkannt das in unseren Altern der Schmerz
den Schmerz, die Lüge die Lüge und die Vernichtung
die Vernichtung erhält. Nichts passiert um dem ein Ende
zu bereiten. Der Schmerz, die Lüge und Vernichtung werden
um ihrer selbst willen geführt, dies ist die ultimative
und einzige Wahrheit welche das Universum, wenn es in der Lage
ist dies zu begreifen, umstürzen könnte."
Das war es, etwas was er schon lange gefühlt. All seine
Verzweiflung. Auch er hatte eine Lüge verraten und war
einer neuen gefolgt, denn alle brachten sie leid über die
die es nicht verdient hatten. Alle lebten den Krieg, keiner
wollte ihn beenden. Keiner von ihnen wollte den Frieden. Aber
Beli wusste nun: er brauchte nicht den Imperator in seinem Herzen.
Er brauchte ihn auch nicht für seinen Hass. Nicht sich
selbst würde er hassen müssen für das Unmenschliche
in ihm. Die Unreinheit gab es nicht mehr. Seine Herzen waren
rein. Die Erkenntnis trug ihn weiter. Seit seiner Geburt hatte
er andere gehabt, seinen Clan, den Orden, die Verdammten. Nun
aber wusste er dass er allein den Zustand den er so verflucht
als der Geist des Imperators ihn verlassen, dieser war der einzige
gewesen welcher Frieden zu ihm und in sein Universum bringen
würde, die Einsamkeit im Geiste; Nein die Unabhängigkeit
von allem. Er würde sich nun ein eigenes Bild formen, würde
die Mauer aus Sand sein welche aus vergiftetem Wasser sich erhebt
und er würde sich nicht einreißen lassen.
Das Brechen des Schusses hörte Beli nie, das Projektil
zerriss ihm den Kopf und sandte ihn zurück in die Festung.
Als er wieder die Augen öffnete, blickte er Gabriel ins
Gesicht.
"Ich werde gehen Gabriel, meine Bestimmung ist nun eine
andere." Gabriel schloss kurz die Augen seltsam enttäuscht
waren nun seine Züge.
"Also willst nun auch du unter die gehen welche für
sich selbst streiten und den Frieden suchen? Ich habe schon
so viele Brüder an diese Idee gegeben, pass auf das sie
dich nicht verschlingt mein Freund, den in der Ewigkeit will
ich dich wieder sehen!"
"Gabriel?"
"Ja Beli, der der den Frieden sucht den es nie geben wird."
"Ich lebe, kann nicht sterben, habe Schmerzen, oh selige
Schmerzen!"
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